
Die Schweiz bekommt beim Thema Startups oft weniger Aufmerksamkeit, als sie verdient. Umso spannender sind die aktuellen Zahlen von Startupticker und dem Swiss Startup Radar: Rund 350 Scale-ups und 18 Unicorns zählt das Land inzwischen. Und das ist mehr als nur eine schöne Statistik. Es ist ein messbarer Beweis dafür, dass das Schweizer Ökosystem in eine neue Reifephase eingetreten ist.
Das Bemerkenswerte daran: Diese Unicorns sind keine auf Marketing und Blitzskalierung gebauten Konsumentenstories. Es sind Deeptech-, Biotech-, Industrie-, Robotics- und AI-Firmen. Unternehmen, die erst Technologie-, Produkt- und Marktvalidierung durchlaufen müssen, bevor sie überhaupt skalieren können. Wachstum entsteht hier nicht durch Subventionierung von Nachfrage, sondern durch reale Wertschöpfung.
Genau das beschreibt auch die DNA des Schweizer Ökosystems: klein, fokussiert, effizient. Weniger Lärm, mehr Substanz. Weniger Pitchdeck-Fantasie, mehr Ingenieurskunst. Und internationaler, als viele glauben, auch wenn die Schweiz im globalen Wahrnehmungswettbewerb oft noch im Schatten grösserer Tech-Hubs steht.
Was bedeutet das für Gründer?
Mit der Reife des Ökosystems steigen die Anforderungen. Der Übergang vom soliden Startup zum echten Scale-up ist kein Zufallsprodukt mehr. Er verlangt heute deutlich frühere Klarheit in vier zentralen Bereichen: Go-to-Market, Finanzierung, Governance und Internationalisierung.
Technologie-Exzellenz allein reicht nicht mehr. Skalierung ist ein eigenes Handwerk. Wer heute in die Liga der Scale-ups will, muss früher international denken, früher strukturierte Sales-Prozesse aufbauen, früher Enterprise-Partnerschaften abschliessen und früh professionelle Boards etablieren. Die Zeit des „Wir schauen mal“ ist vorbei.
Wachstum trotz konservativem Kapitalmarkt
Das Schweizer Ökosystem wächst stark, trotz eines vergleichsweise konservativen Kapitalmarkts. Gerade im Bereich Growth Capital klafft im internationalen Vergleich eine Lücke. Grosse späte Runden sind seltener als in den USA oder UK.
Das hat zwei Effekte. Einerseits limitiert es die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen in globale Grössenordnungen wachsen können. Andererseits zwingt es Gründer zu früher Profitabilitätsnähe, zu echtem Product-Market-Fit und zu effizientem Kapitaleinsatz. Fehlallokationen entstehen seltener, Fehler werden früher sichtbar.
Langfristig aber wird es ohne mehr institutionelles Kapital, ohne aktivere Pensionskassen und ohne mutigere Corporate-Investments nicht gehen, wenn die Schweiz die nächste Skalierungsstufe erreichen will.
Die B2B-DNA als Stärke – und als Risiko
Auffällig ist die starke B2B-Prägung des Schweizer Ökosystems. Robotics, Medtech, Industrial AI, Cleantech, Sensorik, vieles entsteht in enger Verbindung zu industriellen Ankerkunden. Diese Nähe ist eine der grossen Stärken des Standorts. Sie ermöglicht frühe Validierung, anspruchsvolle Anwendungsfälle und hohe Eintrittsbarrieren.
Gleichzeitig birgt sie Risiken. Corporate-Partnerschaften ersetzen keine Skalierungsstrategie. Sie liefern Proof Points, aber selten internationale Marktdynamik. Wer sich zu früh zu stark an einzelne Industriepartner bindet, skaliert oft langsamer, übernimmt Abhängigkeiten und erhöht das spätere Exit-Risiko. Erfolgreiche Scale-ups kombinieren beides: industrielle Ankerkunden und aggressive internationale Expansion.
Internationalisierung als Grundbedingung
Ein klares Muster bei erfolgreichen Schweizer Scale-ups ist ihre frühe Internationalität. Der Heimmarkt ist zu klein, um Skalierung realistisch zu testen. Wer mit fünf Millionen Umsatz noch fast ausschliesslich in der Schweiz verkauft, ist kein Scale-up, sondern ein sehr starkes lokales KMU.
Die wirklichen Wachstumsunternehmen gehen meist innerhalb der ersten 24 Monate aktiv in mindestens zwei Auslandsmärkte. Internationalisierung ist kein Add-on mehr, sie ist Grundbedingung.
Blick nach vorne: 2030 als nächste Wegmarke
Was bedeuten 350 Scale-ups und 18 Unicorns als Ausgangspunkt für das Jahr 2030? Realistisch ist ein Wachstum auf 500+ Scale-ups und rund 30 Unicorns – vorausgesetzt, drei Faktoren entwickeln sich positiv:
Talentzufluss, Zugang zu Wachstumskapital und eine aktivere Digital- und Standortpolitik.
Die grössten strukturellen Bremsklötze bleiben das fehlende Growth Capital, die geringe Beteiligung institutioneller Investoren und die noch zu schwache M&A-Dynamik im Corporate-Sektor. Hier entscheidet sich, ob die Schweiz vom exzellenten Forschungs- und Innovationsstandort zum echten Skalierungsland wird.
Fazit
Die aktuellen Zahlen zeigen: Das Schweizer Startup-Ökosystem ist stärker, reifer und internationaler, als es oft wahrgenommen wird. Es wächst leise, aber strukturell gesund. Die nächste Entwicklungsstufe wird nicht durch mehr Hype erreicht, sondern durch Kapital, Internationalisierung und eine neue Skalierungskultur.
Die Schweiz hat alles, um vom Hidden-Champion-Land zu einem sichtbaren Global-Player zu werden – wenn sie den nächsten Schritt bewusst geht.
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