
Der Swiss Venture Capital Report ist für die Schweizer VC-Szene so etwas wie der jährliche Realitätscheck. Kein Pitch-Deck-Optimismus, kein Marketing-Narrativ, sondern nackte Daten: Wer investiert, in welcher Phase, in welchen Sektoren und wo eben nicht. Auch dieses Jahr haben wir den Report intensiv gelesen, mit eigenen Marktbeobachtungen abgeglichen und intern diskutiert.
Der Titel des Reports 2026 lautet „Trend Reversal“ – und tatsächlich: Nach zwei schwachen Jahren kehrt Wachstum zurück. Das investierte Kapital steigt um knapp 24 % auf rund 3 Mrd. CHF, also wieder auf dem Niveau von 2021. Auf den ersten Blick könnte man meinen: Die Schweizer VC-Szene ist zurück.
Doch wie so oft liegt die Wahrheit im Detail.
Eine selektive Erholung
Was wir aktuell sehen, ist kein breites Comeback, sondern eine sehr selektive Erholung. Das Fundament des Ökosystems funktioniert wieder besser: Early Stage auf Rekordniveau, Biotech mit neuen Höchstständen, ICT mit einer starken Gegenbewegung nach dem schwachen Vorjahr. Gleichzeitig bleiben Later-Stage-Finanzierungen unter Druck, Exits sind weiterhin rar und Kapital konzentriert sich extrem stark auf wenige grosse Runden, wenige Kantone und wenige Sektoren.
Diese Konzentration zeigt sich auch in der Deal-Struktur: Es gibt mehr Runden über 20 Mio. CHF, gleichzeitig sinken die Mediane deutlich insbesondere im Later Stage. Übersetzt heisst das: Kapital ist vorhanden, aber es ist disziplinierter. Wachstum allein reicht nicht mehr. Profitabilität, Kapitaleffizienz und eine glaubwürdige Exit-Storyrücken wieder ins Zentrum der Investment-Entscheide.
Ein klarer Investorenmarkt
Der Schweizer VC-Markt ist 2026 klar ein Investorenmarkt. Bewertungen werden neu justiert, Runden strukturierter verhandelt, und die Spreizung zwischen Top-Assets und dem breiten Markt nimmt zu. Das ist grundsätzlich gesund aber herausfordernd für Scale-ups, die 2021 oder 2022 mit hohen Erwartungen finanziert wurden und nun in einer anderen Realität ankommen.
Besonders spannend fanden wir einen Punkt, der im öffentlichen Diskurs oft untergeht: Trotz allgegenwärtigem AI-Hype ist AI im Report kein dominanter Funding-Treiber. Ja, AI ist überall Thema aber sie ist (noch) nicht der Motor hinter den grossen Volumen. Die Daten zeigen ziemlich klar, wie gross aktuell die Lücke zwischen medialem Narrativ und realer Kapitalallokation ist. Kapital fliesst weiterhin primär dort, wo technologische Tiefe, regulatorische Eintrittsbarrieren oder klarer industrieller Nutzen vorhanden sind.
Die Rolle der Corporates bleibt schwach
Ein weiteres strukturelles Thema bleibt ungelöst: Schweizer Grossunternehmen agieren im VC-Markt weiterhin eher als Zuschauer. In einzelnen Top-Runden sind internationale Investoren präsent, doch im breiten Markt fehlt es an strategischem Wachstumskapital – insbesondere für Later-Stage-Companies, die eigentlich bereit wären für den nächsten Skalierungsschritt. Das ist kein kurzfristiges Marktphänomen, sondern ein Wettbewerbsnachteil für den Standort Schweiz.
Gesund, aber nicht euphorisch
Unser Fazit deckt sich stark mit dem Report: Der Schweizer VC-Markt ist gesund, aber nicht euphorisch. Er wächst wieder, aber kontrolliert. Qualität schlägt Quantität. Die nächsten ein bis zwei Jahre werden entscheidend sein: Entsteht aus dieser Trendwende ein neuer, nachhaltiger Zyklus? Oder verbleiben wir in einer verlängerten Übergangsphase mit hoher Selektion und begrenzten Exit-Fenstern?
Genau deshalb ist der Swiss Venture Capital Report so wichtig. Er zeigt nicht nur, dass sich etwas bewegt, sondern wievund wo. Und er liefert damit die Grundlage für eine ehrliche Diskussion über Kapital, Risiken und Erwartungen im Schweizer Venture-Ökosystem.
Um diese Einordnung noch zu vertiefen, hatten wir diese Woche im Burn Rate Podcast einen der Köpfe hinter dem Report zu Gast: Thomas Heimann, Co-Autor und Mitinitiator. Check it out!
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